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Rubrik:Lifestyle, Kolumne
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Julia wundert sich über ... die Weltherrschaft der Nerds
Die Welt ist schon ein sonderbarer Ort. Allerlei Skurriles findet sich offline wie online. Mal regt es zum Nachdenken an, mal versüßt es den Tag und verhilft zu einem spontanen Schmunzeln. Unsere Agentin Julia wird für Euch wöchentlich über Absurditäten, Irrlichter und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags berichten. Ihr Einblick in den urbanen oder vernetzen Dschungel verspricht ungewohnte Perspektiven, ominöse Begegnungen und Überraschendes.

Foto: TheFemGeek / flickr
Und heute? Heute sind die Loser von damals die stillen Genies von morgen. Die "Avantgarde von Bescheidwissern und Auskennern", wie Brand.Eins sie nennt, hat unsere Gesellschaft in nicht nur programmiert - sie prägt sie in allen Bereichen. Nerds sind die wahren Gewinner des 21. Jahrhunderts. Mehr noch: Sie sind im Begriff, die Weltherrschaft an sich zu reißen!
Hier meine Top-Ten-Beweise dafür:
10. Nerds verstecken sich nicht mehr.
Selbst harte Hunde wie Dr. Dre stehen heute offen zu ihren geekigen Seiten. Sonst hätte er die letzte Frage dieses Interviews wohl nicht so ehrlich beantwortet.
9. Nerds machen gute Musik.
Angefangen hat es mit Electro, und zwar lange vor Kraftwerk und Justice. Nerds erfanden die Computermusik überhaupt erst – gute 20 Jahre bevor es Apfelrechner und Laptops gab. In Deutschland waren es der Physiker Werner Meyer-Eppler, der Tonmeister Robert Beyer, der Techniker Fritz Enkel und der Komponist Herbert Eimert. Sie gründeten 1951 ein "Studio für Elektronische Musik" in Köln, in dem sie versuchten, synthetisch erzeugte Töne nach physikalischen Regeln zu erfassen. Was ihnen damals gelang hören wir noch heute im Radio: die vollständige Kontrolle über Klangfarbe (= Timbre), Arrangement und über potentielle Störfaktoren. Auch im Indie findet man bekennende Nerds, im so genannten "Geek-Rock" (z.B. Weezer, Ben Folds Five, Barenaked Ladies). Im Hip Hop gibt eine Richtung, die unter die recht schwammige Bezeichnung "Nerdcore" fällt – Rap, der sich mit Science Fiction, Computerthemen oder Verschwörungstheorien beschäftigt.
(Fussnote: Dass sich Chad Hugo und Pharrell Williams, aka. The Neptunes, vor nicht allzu langer Zeit in N.E.R.D. umbenannt haben, könnte man hier noch anführen. Allerdings steht der Bandname für "No-one Ever Really Dies".)

Foto: Ambrosio Photography / flickr
Wie die BBC bemerkt, werden Politiker und deren Berater heute zunehmend aus den Kreisen der Fachidioten rekrutiert. Will meinem: Sie können Expertenwissen in genau einem Gebiet aufweisen - mehr nicht. "One trick pony" nennen das die Engländer, oder auch "Geeks in suits".
7. Nerds sind hochbegabt.
"Nerds können wie Maschinen denken", heißt es im Fachblatt Psychology Today in einem ausführlichen Artikel zum Thema. Sie sind unschlagbar in Sachen Logik und Systematik - aber totale Analphabeten in sozialen Dingen. Kein Wunder eigentlich: Zwischenmenschliche Prozesse unterliegen keinen Gesetzmäßigkeiten, sind nicht rational zu erklären. Teilweise ist die übrigens genetisch veranlagt. Eine plausibles Model dazu hat er britische Psychologieprofessor Simon Baron-Cohen (übrigens der Cousin von Sacha Baron-Cohen, aka. Ali G aka. Borat aka. Brüno): Nerds kommen mit einem "systematisierendem Gehirn" auf die Welt, postuliert er. Das Gegenstück zu den "S-Brains" sind die "E-Brains" - Menschen, deren Stärke in der Empathie liegt, die sich gut in andere hineinversetzen können. Dieser wissenschaftliche Ansatz ist zwar ein bisschen schwarz-und-weiss, aber er illustriert das große Dilemma vieler Hochbegabter: Die soziale Intelligenz geht zu Gunsten der logischen Fähigkeiten verloren. Was dazu führt, dass man Nerds oft belächelt, ausgrenzt - und unterschätzt.
6. Nerds sind modische Trendsetter.
Wenn es nach dem New York Times Magazine geht, sind Nerds längst die neuen Stilikonen. Echte Fashion-Victims tragen zurzeit unvorteilhafte Kleidung, z.B. extreme High Waist-Hosen für die Mädels (= oben bis über den Bauchnabel, unten Hochwasser-Karotte). Die Jungs greifen zu Buntfalthosen und Karohemd, vorzugsweise wirr in einander gestopft, und kombinieren dazu Seitenscheitel oder eine zerwurstelte Einstein-Frise. Dazu passt eine Nerdbrille – aber die ist mittlerweile so in, dass sie schon fast wieder out ist. Wer auf der Höhe der Zeit ist, geht einen Schritt weiter: Dickrahmiges Nasenfahrrad besorgen, es in der Mitte zerbrechen, mit Isolierband wieder zusammenkleben, tragen (s. Foto rechts). "Echte" Nerds belächeln den "Geek-Chic" währenddessen, oder parodieren ihn - so wie Microsoft mit seiner neuen T-Shirt-Kollektion "Softwear".
5. Nerds haben das Internet erfunden.
Und Linux. Und Firefox, Thunderbird, Wikipedia, youtube, Facebook, myspace und Twitter. Und das "Twittagessen", Chatroulette und ...
4. Nerds mischen auf.
Sie rächen sich an der Gesellschaft, indem sie Staatsgeheimnisse über Wikileaks veröffentlichen. Fieser, hinterlistiger und genialer kann man der Politik nicht den digitalen Mittelfinger zeigen.

Im Mai 2010 rief der renommierte Art Directors Club Deutschland zu seinem jährlichen Gipfeltreffen auf – eine Veranstaltung, zu der sich Architekten, Designer, Blogger, Journalisten, Fotografen und Werber aus der ganzen Welt treffen. Zum ersten Mal gab es dieses Jahr einen Vortrag über den Einfluss von Geeks auf die Welt der Kreativen. In "Creative Technologies - What we can learn from Nerds" zog ein Werbeprofi erstmals den Hut vor den "Brains", die das digitale Zeitalter erst möglich gemacht haben. Auch auf dem International Design Festival Berlin zollte man den Nerds Respekt. Kernfrage und Motto des ganzen Events war fragte man sich dieses Jahr "Are nerds the new designers?". Untersucht wurden die Auswirkungen digitaler Medien und Technologien auf Design. Und wenn sogar die Welt der Werbung und der Kreativlinge den Nerds so viel Platz machen, dann heißt das schon was. Wer das kreative Potential der Geeks trotzdem nicht versteht, dem sei ein Blick auf die Seite der Chaos Compuer Club empfohlen.
2. Wir alle sind Nerds.
Die Grenze zwischen Begeisterung und ungesunder Obsession ist sehr dünn - genau wie die neuesten technischen Spielzeuge. Und, mal ehrlich: Wie oft am Tag halten wir jemandem unser Handy-mit-5-Megapixelkamera unter die Nase, um Fotos vom letzten Festivalbesuch herzuzeigen? Wären wir ohne Navi in einer fremden Stadt überhaupt überlebensfähig? Machen sich unsere Freunde Sorgen, wenn wir uns eine ganze Woche lang nicht bei Facebook eingeloggt haben? Sind wir nicht wenigstens ein bisschen neidisch auf die Schon-iPad-Besitzer?
Und, last but not least, der ultimative Beweis dafür, dass Nerds die Gewinner des 21. Jahrhunderts sind:
1. Über Nerds werden gute Filme gemacht.
Ich meine damit nicht die Liebhaberstreifen "Hackers" oder "23", oh nein! Dem Ober-Nerd schlechthin, Mark Zuckerberg, dem Gründer von Facebook, wurde jetzt gerade ein Filmdenkmal gesetzt. "Facebook: Der Film" (OT: "The Social Network") startet Anfang Oktober in den deutschen Kinos. Und der Stab kann sich sehen lassen: Drehbuchautor ist Aaron Sorkin ("Eine Frage der Ehre", "Hallo, Mr. President"), Regie führte David Fincher ("Fight Club", "Der seltsame Fall des Benjamn Button", "Panic Room"), als Produzenten sitzen Scott Rudin ("Darjeeling Limited", "No Country for Old Men", "Sleepy Hollow") und Kevin Spacey mit im Boot, und die zweite Hauptrolle spielte immerhin Justin Timberlake. Hier geht's zum Trailer.
Und nun? Was will uns dieses Bild sagen? Zwei Dinge. Ersten: Mädels, hört auf, diese gruseligen Oma-Brillen zu tragen! Zweitens: Lasst uns in Zukunft netter zu den Nerds sein. Denn ein wütender Nerd kann gefährlich werden...
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