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Rubrik:Kolumne
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Julia wundert sich über ... die Pornoindustrie
Die Welt ist schon ein sonderbarer Ort. Allerlei Skurriles findet sich offline wie online. Mal regt es zum Nachdenken an, mal versüßt es den Tag und verhilft zu einem spontanen zum Schmunzeln. Unsere Agentin Julia wird für Euch wöchentlich über Absurditäten, Irrlichter und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags berichten. Ihr Einblick in den urbanen oder vernetzen Dschungel verspricht ungewohnte Perspektiven, ominöse Begegnungen und Überraschendes.

Foto: Ernst Rose/pixelio
Und wo wir gerade bei Reizen sind: Als ich mal ein paar Monate über einem Sexvideoshop gewohnt habe – ich im vierten Stock, der Landen im Erdgeschoss – hab ich an dem ein oder anderen Samstagvormittag mit Kaffee in der Hand einen Blick nach unten geworfen. Wer da wohl so ein und ausgeht? Schnellschussanalyse des Klientels: ein Drittel Frauen, zwei Drittel Männer, vielleicht 30 % Anzug- träger, keine Kinder (= keine unter 14), wenige Hunde (mit Herrchen). Also quer durch die Gesellschaft. Aber Pornos sind ja so eine Sache. Fast jeder guckt welche, fast keiner redet drüber, und wenn doch will es eigentlich keiner hören. Dass sich der Kollege aus der Buchhaltung heute abend mit Gina Wild trifft, kann er auch gerne für sich behalten. Denn der Mensch ist da auf seine Intimsphäre bedacht und hebt sich solche Gespräche für rotweinbeflügelte Abende mit besten Freunden auf. Trotzdem ist Porno heute so normal und omnipräsent wie noch nie: im Vorabendprogramm, in der Musik, in der Werbung, in der Literatur, in der Kunst, in der Politik (Gabriele Pauli als Domina im Magazin Park Avenue). Vorbei die Zeiten, in denen man mit Satellitenschüssel auf dem Dach als Schweinskramgucker geoutet war - der Jetztzeitmensch kann seine Beate Uhse-Tüten völlig ungeniert nach hause tragen. Wobei Beate Uhse-Tüten diskreter Weise kein Logo aufgedruckt haben und eh nur von denjenigen erkannt werden, die selber ein paar daheim haben. Doch was weiß man eigentlich über die Pornoindustrie? In einem Programmkino meines Vertrauens lief neulich „Inside Deep Throat“ – ein erstaunlicher Film, der wider Erwarten viele Denkanstöße gibt, und mir an dieser Stelle ein paar Zeilen wert ist.

Foto: Constantin Film
2002 starb Lovelace bei einem Autounfall, im Alter von gerade mal 53 Jahren.
Aber das wirklich Tragische an ihrer Figur: Kein Schwein kann sich mehr an sie erinnern. Am Ende von Inside Deep Throat werden alte Hasen wie aufstrebende Pornostarletts gefragt, ob sie mal von Linda Lovelace gehört hätten. Die allermeisten von ihnen können mit dem Namen gar nichts anfangen. Seltsam, dass eine Industrie, die auf eine so bewegt Geschichte zurückblickt, sich nicht mehr an ihre eigenen Wurzeln erinnern kann. Was ich von Linda Lovelace halten soll weiß ich bis heute nicht (inzwischen hab ich auch ihre Autobiographie gelesen). Aber eins ist klar: Sie hat sich ihrer Sache voll und ganz verschrieben, und dafür ein Leben voller Achterbahnfahrten in Kauf genommen. In diesem Sinne: R.I.P. Schwester. Hoffentlich verblasst Dein Erbe nicht so schnell wie Dein Ruhm.
Link: Leseprobe aus "Die Wahrheit über Deep Throat" (2005 im Heyne Verlag erschienen)
Link: Leseprobe aus "Die Wahrheit über Deep Throat" (2005 im Heyne Verlag erschienen)
Kommentare zur News
von
...interessanter kurzer Abriss der Hintergrund Story über das Porn Biz und deren Ikone. Das macht Lust auf mehr...das Buch zu lesen und sich den Film zu Gemüte zu führen. Damit Mann ergo auch ich mitreden kann und vor allem weiss wer Linda Lovelace ist. Ich kannte ihren Namen zwar schon aber viel weiss ich nicht über sie.
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