News von

Rubrik:Lifestyle, Szene, Kolumne
-
Autor:Agent jooolia
-
Letzte Aktualisierung:

Julia wundert sich über ... die GEZ

Die Welt ist schon ein sonderbarer Ort. Allerlei Skurriles findet sich offline wie online. Mal regt es zum Nachdenken an, mal versüßt es den Tag und verhilft zu einem spontanen Schmunzeln. Unsere Agentin Julia wird für Euch wöchentlich über Absurditäten, Irrlichter und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags berichten. Ihr Einblick in den urbanen oder vernetzen Dschungel verspricht ungewohnte Perspektiven, ominöse Begegnungen und Überraschendes.
Die Geschichte der GEZ ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Viele windige Gerüchte und absurde Geschichten säumen ihren Weg von der anerkannten Behörde, die sie einst mal war, zu der undurchschaubaren Papierkriegsstätte, die sie heute ist. Schon den Klang der drei grauen Buchstaben umweht ein kalter Wind aus Angst und Ärgernissen. Und, mit Verlaub, Müll. Kiloweise blaue, gelbe und rosafarbene Drohbriefe stapeln sich in deutschen Haushalten, vor allem in WGs und Studentenbuden. Und keiner weiß, warum. Die Möglichkeit, dass die hübsche, junge Dame, die gerade geklingelt hat, in Wirklichkeit ein GEZ-Scherge sein könnte, untermauert die allgemeine Verunsicherung zusätzlich. Denn im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas auf Seelenfang oder Malteser Rettungsdienstlern auf Spendenjagd geben sich GEZ-Hausierer nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Nein, sonderlich beliebt war sie nie, die Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in BRD. Schade eigentlich – denn ihre Existenz wurzelt in einer guten Idee. Unpopuläres Statement, aber ich proklamiere trotzdem in voller Überzeugung: Die GEZ ist eine durchaus sinnvolle Institution. Das verlangt nach einer Begründung. Und nach einem kurzen Rückblick in die Geschichte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war der deutsche Rundfunk (= TV und Radio) 40 Jahre lang Sache des jeweiligen politischen Systems. Während der Rundfunk im Osten ein reines Propaganda- und Machtinstrument war, wurde er im Westen gründlich durchdemokratisiert. Die Besatzungsmächte bauten, nach dem Vorbild der BBC, ein Rundfunkmodell mit demokratischer Selbstkontrolle und Finanzierung auf. Dem Staat wurde der direkte Zugriff entzogen – Staatsferne und Unabhängigkeit war das Motto der Stunde. Nur so kann nämlich gewährleistet werden, dass die Medien nicht von der Politik mundtot bzw. instrumentalisiert werden können. Eine Grundgebühr für TV und Radio gab es übrigens damals schon; sie wurde 1953 eingeführt und betrug 7,00 DM, was heute etwa 15,50 Euro wären. Einkassiert wurde sie von der Deutschen Bundespost (man konnte den Obolus z.B. seinem Briefträger direkt in die Hand drücken).

Mitte der Achtziger wurden dann auch private Rundfunksender zugelassen. Unter einer Voraussetzung: Die öffentlich-rechtlichen Anbieter musste es weiterhin geben, um eine Grundversorgung der Bevölkerung (bezüglich Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung) sicherzustellen. 1987 wurde der Staatsvertrag zur Neuordnung des Rundfunkwesens unterzeichnet – und das Duale Rundfunksystem war geboren. Das bescherte der Bevölkerung viele neue wundersame Formate (etwa Tutti Frutti oder Schulmädchenreport), da sich die Privaten damals wie heute über Werbung finanzieren und auf hohe Einschaltquoten angewiesen sind. Die Öffentlich-Rechtlichen dagegen dürfen - auch heute noch - nur ganz wenig Werbung schalten. Brauchen sie (theoretisch) auch nicht, sie werden ja über die Gebühren finanziert. Inzwischen gab es auch die KEF, die seit 1975 errechnet, was der Bundesbürger an Gebühren zu zahlen hat. Seit 1997 sind diese Vorschläge an die Ministerpräsidenten der Länder verbindlich – und seit 1976 ist die GEZ damit beauftragt, diese Gebühren einzutreiben. Und weil der Deutsche an sich nicht gerne Steuern zahlt, wenn er nicht muss, ist die GEZ heute gezwungen, sich immer wieder neue kreative Methoden dafür ausdenken.
Langer Rede kurzer Sinn: Gäbe es die öffentlich-rechtlichen Sender nicht, wären die Privaten nie entstanden. Und ohne die GEZ gäbe es die Öffentlich-Rechtlichen nicht. Herrliche Sendungen wie das A-Team, Dallas, GZSZ oder DSDS wären nie über unsere Bildschirme geflattert. Also müsste eigentlich jeder Fernsehgucker, egal, ob er die Supernanny oder das Literarische Quartett anschaut, diese Gebühr abtreten. Leider sind viele der Meinung, dass die GEZ nur im Auftrag von ARD und ZDF unterwegs ist. Und wer will schon für Rosamunde-Pilcher-Verfilmung oder für den Musikantenstadl Bares lockermachen? Noch dazu, wenn man an seiner eigenen Haustür von einer unhöflichen GEZ-Tante namens Lara Lästig dazu verdonnert wird? Eben.

Und dann wäre da noch die berechtigte Kritik am System. So gerne sie es auch bestreiten: Die politischen Parteien in Deutschland haben sehr wohl einen Einfluss auf die Öffentlich-Rechtlichen – und zwar nicht zu knapp. Erst im November 2009 wurde das wieder eindrucksvoll demonstriert. Der damalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hatte sich mit seiner Arbeit bei diversen Politikern unbeliebt gemacht. Schon Edmund Stoiber jammerte, er sei im Bundestagswahlkampf 2002 von ZDF-Journalisten benachteiligt worden. Und auch mit Schröder hatte Brender sich angelegt. Das resultierte in einem haushohen Rausschmiss, initiiert von den CDU-Vertretern im ZDF-Verwaltungsrat. "Mit dieser Entscheidung", riefen ver.di und der DGB unisono, "opfert die CDU die Rundfunkfreiheit auf dem Altar der Parteipolitik." Hässliche Geschichte. Nicht unbedingt das, was man sich unter "Staatsferne" vorstellt.

Nein, die GEZ hat es nicht leicht. Aber wer weiß, vielleicht kommen die Öffentlich-Rechtlichen irgendwann mal auf die Idee, ein bißchen mehr PR in eigener Sache zu machen. Und uns an die Sternstunden erinnern, die die Öffentlich-Rechtlichen trotz allem zu bieten haben (Tatort, Tracks, die Harald Schmidt Show oder coole Konzerte wie im Moment Depeche Mode auf ARD). Dann klappt's auch mit dem Gebühren zahlen.


Julia wundert sich außerdem über

... Das A-Team
... den Nacktscanner
... das Jahr 2010
... die Polizei
... die Farbe Lila
... den Weihnachtswahn
... das Gesetz
... Geldgeilheit
... Pechvögel
... dumme Tiere
... die deutsche Sprache
... Psychologen
... die Pornoindustrie

Fotos: Ernest von Rosen/www.amgmedia.com, Konrado Fedorczyko/ stock.xchng, Pixelio (10)/D. Schütz, F. Sommaruga, knipseline, saschahne, S. Hofschläger, D. Baack, C. Hautumm, Mandy, C. Scheumann, D. Huemmer

Kommentare zur News

von
ich finde die öffentlich-rechtlichen Sender inhaltlich scheisse und schaue nicht mal nachrichten dort... muss aber trotzdem gez zahlen.
von
schöner erster satz.....kommt mir irgendwie bekannt vor....aber da ging es nicht um die geschichte der gez....lol.
1-2 von 2

MY:NA

Region

München

Login

Passwort vergessen?

Neu? Werde jetzt Nachtagenten Mitglied und genieße viele Vorteile! kostenlos anmelden

Verwandte News

Nightspam von Roman Libbertz - Vierundachtzigstens

Das Vorwort von Nilz Bokelberg: Roman Libbertz. Lit...››

Nightspam von Roman Libbertz - Dreiundachtzigstens

Das Vorwort von Nilz Bokelberg: Roman Libbertz. Lit...››

Nightspam von Roman Libbertz - Zweiundachtzigstens

Das Vorwort von Nilz Bokelberg: Roman Libbertz. Lit...››

meist gelesen

Endlich: Kältebus auch für München

Auf private Initiative hin gibt es nun endlich auch ein...››

Clubgeflüster

Kaum ist der erste Monat des neuen Jahres um, tut sich ...››

Nachtagenten Hamburg

Hallo Nachtschwärmer, seit 1.11. sind die Nachtagen...››