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Rubrik:Szene, Kolumne
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Autor:Agent jooolia
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Letzte Aktualisierung:

Julia wundert sich über ... die Brigitte

Die Welt ist schon ein sonderbarer Ort. Allerlei Skurriles findet sich offline wie online. Mal regt es zum Nachdenken an, mal versüßt es den Tag und verhilft zu einem spontanen Schmunzeln. Unsere Agentin Julia wird für Euch wöchentlich über Absurditäten, Irrlichter und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags berichten. Ihr Einblick in den urbanen oder vernetzen Dschungel verspricht ungewohnte Perspektiven, ominöse Begegnungen und Überraschendes.
Foto: clarita/morguefile.com
Seit Menschengedenken wollen Frauen dünner sein (Magersucht gab es schon im Mittelalter). Seit Twiggy liebt die Modewelt großäugige Kindfrauen. Und seit Kate Moss wird den Medien wieder gewissenloser Magerwahnsinn vorgeworfen. Trotzdem muss frau heute damit leben, daß die neueste Couture in Hochglanzmagazinen 16-jährigen Giraffen um die knochigen Hüften schlabbert. Weil – und das ist leider auch Fakt – dünne Menschen selbst in den abge- drehtesten Klamotten noch gut aussehen können. Dass über 90% aller Fotos in Frauenmagazinen heute aufwendig nachbearbeitet sind (Nasenkorrekturen inklusive) hat sich scheinbar noch nicht rumgesprochen.

Ein Fotograf hat mir mal eine Geschichte erzählt, über die ich heute noch lache. Mann muss es sich bildlich vorstellen: der Sommertitel einer renom- mierten französichen Frauenzeitschrift, eine Bikini- schönheit in hinreißender Pose, alles wunderbar. Bis auf eine Kleinigkeit: Ihr Bauchnabel wurde versehent- lich wegretouchiert (wahrscheinlich ein Grafiker in der Druckvorstufe aus lauter Übereifer)! Die Leserinnen waren empört, es hagelte böse Mails und aufgebrachte Anrufe. Das gleiche Schicksal widerfährt Top Model Karolina Kurkova übrigens regelmäßig, wenn sie für den Unterwäschehersteller Victorias Secret modelt; ihr Nabel sei so "ungewöhlich", dass man ihn kurzerhand aus den Laufstegbildern entfernt. So einfach ist das.
Die Brigitte - jetzt eine modelfrei Zone
In diesen Zeiten chronischer Untermoppeltheit und geheuchelter Perfektion hat ausgerechnet eine alte Dame eine unerhörte Revolution gestartet. Sie heißt Brigitte, ist 56 Jahre alt, kommt aus Hamburg und ist Deutschlands auflagenstärkste Frauenzeitschrift, mit etwas angestaubtem Image zwar, aber erfolgreich wie eh und je. Und mit ihrer ersten Ausgabe 2010 wagt sich die Brigitte-Redaktion auf Neuland: Ab jetzt keine Models mehr. Alle Fotostrecken, sofern Eigen- produktionen, werden in Zukunft mit Ottonormalfrauen geshootet. Damit will die Brigritte dem o.g. Dilemma entgegenwirken; professionelle Models sind nämlich berufsbedingt meist dünn und makellos, die durchschnittliche Deutsche nicht. Daraus entsteht eine Menge schlechter Gefühle (Frust, Neid, gefühlte Fettleibigkeit, am Ende gar eine Essstörung). Darum werden bei Brigitte-Shootings jetzt nur noch Leserinnen abgelichtet. Oder, wie der Bildredakteur sagt, "Echtmenschen".

Medienbranchenkundigen springen sofort zwei große Vorteile ins Auge.
Erstens: Models kosten viel Geld. Die Spannweite fängt bei 300 Euro an (plus Agenturprovision), Tagesgagen von 800 Euro sind auch nicht ungewöhnlich. Eine einfache Gleichung also - Kein Profimodel = weniger Kosten. Zweitens: Wer seinesgleichen in einer Frauenzeitschrift sieht (sprich: nicht gertenschlank, nicht über 1,80 m, nicht perfekt), der identifiziert sich stärker mit den Bildern und dem Magazin. Mehr Normalfrauen = stärkere Leser-Blatt-Bindung = mehr verkaufte Exemplare. Wirtschaftlich gesehen ist der Model-Verzicht also ein geschickter Zug, ganz zu schweigen von der positiven PR aus dem In- und Ausland.
Foto: clarita/morguefile.com
Faierweise sollte jedoch gesagt sein, dass Fotografen mit Laienmodels deutlich mehr Arbeit haben. Die 42-jährige Bürokauffrau Sandra hat einfach nicht die Kameraerfahrung und das Posing einer 18-jährigen Anoushka aus St. Petersburg. Davon abgesehen ist Modeln – im wahrsten Sinne – ein Knochenjob. Wer ein 12-stündiges Shooting in Pfennigabsätzen und anstrengenden Verrenkungen ohne Jammern übersteht, der muss hart im Nehmen sein. Als Fotoredakteurin habe ich mal eine Unterwasser-Strecke mitproduziert, die in einer Tauchschule geshootet wurde. In einem unbeheiztem Becken. Unser Model, ein wunderhübsches Mädel mit nix auf den Rippen, hat nach ein paar Stunden so mit den Zähnen geklappert, daß wir sie zwischen den Motiven in die Sauna setzen mussten. Ich hab wirklich mit ihr gelitten, aber sie hat tapfer durchgehalten bis abends um 21.00 Uhr. Ein anderes Mal hatte ich ein Mädchen gecastet, das sich leider als Fehlgriff herausstellte (Akne bei Make-up-Nahaufnahmen geht nicht). Ich hab ihr ein Ausfallhonorar und die Übernahme ihrer Flugkosten angeboten, woraufhin sie fast in Tränen ausgebrochen wäre – sie hatte Angst vor der Standpauke ihrer Modelagentur.

Aber ich schweife ab. Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Modeln ist zwar lukrativ, aber lange nicht so glamourös wie man meinen will. Und dass endlich mal eine große Zeitschrift gegen den Strom schwimmt und richtige Frauen statt unterernährten Kleiderhaken zeigt – Bombensache.

Schade ist nur, dass die Brigitte das Konzept inhaltlich nicht durchzieht. Ein paar Seiten weiter kommen dann doch wieder irgendwelche Diätpläne, und online steht die Rubrik "Figur" gleich an vierter Stelle ("Effektives Bauchtraining: Aus rund mach flach!"). Schade eigentlich.

Wäre auch zu schön gewesen..

Kommentare zur News

von
super text julia, weiter so :D
von
wat?
von
in 10 jahren gibts gar keine models oder shootings mehr, denn da kommt die komplette produktion aus den rechnern... :(
von
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