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Rubrik:Lifestyle, Szene, Kolumne
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Julia wundert sich über ... die Ägypter
Die Welt ist schon ein sonderbarer Ort. Allerlei Skurriles findet sich offline wie online. Mal regt es zum Nachdenken an, mal versüßt es den Tag und verhilft zu einem spontanen Schmunzeln. Unsere Agentin Julia wird für Euch wöchentlich über Absurditäten, Irrlichter und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags berichten. Ihr Einblick in den urbanen oder vernetzen Dschungel verspricht ungewohnte Perspektiven, ominöse Begegnungen und Überraschendes.

Nachts auf einer Straße irgendwo zwischen Kairo und Ras Sudr. Man sitzt mit einer Dolmetscherin in deren Auto und fährt in die nächstgelegene Stadt. Es gibt keinen Mittelstreifen. Es gibt keine Begrenzungspfosten. Es gibt keine einzige verdammte Straßenlaterne. Aus dem Dunkel ertönt immer wieder wütendes Gehupe, von links, von rechts, von vorne, von hinten, von schräg gegenüber, von irgendwo her. Ab und an schwirrt ein einzelner schwach leuchtender Scheinwerfer vorbei, zuckend und flirrend wie ein überdimensionales Glühwürmchen auf Speed. Die Dolmetscherin fährt auffallend langsam. Sie lebe erst seit kurzem wieder in Ägypten sagt sie, ihre nervösen Augen mustern das Dunkel unaufhörlich. Es sei außerdem ungewöhnlich für eine Frau, in Ägypten Auto zu fahren, fügt sie hinzu.

Warum, zefix, hupt hier jeder, als ob es kein Morgen gäbe? Und wieso verzichtet man in diesem Land gänzlich auf den Komfort von Autoscheinwerfern?
Die Antwort der Dolmetscherin ist ebenso simpel wie beunruhigend. In Ägypten fungieren Hupen als Scheinwerfer, weil sie schlichtweg billiger sind. Sie kündigen den unsichtbaren Autofahrer an, der in vollem Karacho aus der stockfinsteren Nacht angebrettert kommt, signalisieren den übrigen Verkehrsteilnehmern (PKWs, Lastwagen, Mopeds, Fahrrädern, Eselskarren): „Hallo, hier bin ich!“. Das Gegenüber wiederum reagiert mit einem freundlichen Zurückhupen (insofern er eine funktionierende Hupe dabei hat): „Alles klar, hab Dich gehört!“. Auf diese Weise können regelrechte Konversationen geführt werden, etwa bei wiederholten Überholmanövern oder wenn zwei sich spontan zu einem sportlichen Wettrennen entscheiden.

Nachtrag: Ein Norddeutscher der lange in Ägypten gewohnt hat, behauptet, es gäbe noch einen anderen Grund für das allnächtliche Mööpkonzert. Die meisten Straßen zwischen den wenigen Städten auf der Sinai-Halbinsel sind sehr lang und gerade. Daher passiert schon mal, dass ein Verkehrsteilnehmer auf motorisiertem Untersatz am Steuer einschläft, und erst durch vehementes Tröten wieder seine Äuglein zu öffnen vermag. Wie gut, dass dabei keine Schlafbrillen getragen werden.
Fotos: pixelio(3)/ Th. Kemnitz, Inessa Podushko, Dieter Schütz
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