Julia wundert sich über ... den Nichtraucher-Krieg
Die Welt ist schon ein sonderbarer Ort. Allerlei Skurriles findet sich offline wie online. Mal regt es zum Nachdenken an, mal versüßt es den Tag und verhilft zu einem spontanen Schmunzeln. Unsere Agentin Julia wird für Euch wöchentlich über Absurditäten, Irrlichter und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags berichten. Ihr Einblick in den urbanen oder vernetzen Dschungel verspricht ungewohnte Perspektiven, ominöse Begegnungen und Überraschendes.
Foto: Profound Whatever/flickr
Am 04.07.2010, Sonntag nächste Woche, wird's ernst: Bayern stimmt als erstes Bundesland per Volksentscheid über ein totales Rauchverbot ab. Des Pudels Kern ist ein Gesetzesentwurf, der den geltenden Nichtraucherschutz verstärken soll. Ein totales Rauchverbot würde dann z.B. in öffentlichen Gebäuden, Schulen, Jugendherbergen, Unis, Kinos, Museen, Theatern, Flughäfen, Sportstätten und Vereinsräumlichkeiten eingeführt. Und – und das ist der Grund, warum sich die Glimmstengeldebatte zum Politikum hochgeschaukelt hat – in Kneipen, Bierzelten und Wirtshäusern. Genau diese Frage spaltet die bajuwarische Nation schon seit Monaten: Soll man in Festzelten und Bars bald gar nicht mehr quarzen dürfen? Fast jede bayerische Gemeinde hat ein eigenes Volksfest, rund 20.000 Festzelte werden jährlich im Freistaat aufgestellt (inklusive der Wiesn), und immerhin jeder vierte Bayer ist Raucher. Die zu erwartenden Umsatzeinbußen der Wirte sind also schon mal ein Gegenargument für sich.
Kurz vor dem entscheidenden Votum wird noch eifrig um Stimmen gekämpft. Insbesondere in der Landhauptstadt unterbieten sich die Krebsstäbchenfreunde und -feinde gegenseitig an Einfallslosigkeit und Populismus, und setzen auf großflächiges Zukleistern der Münchner Innenstadt mit dämlichen Plakaten. Die Nichtraucher tuckern auf der Kinder-Schiene daher. "Kinder würden rauchfreie Festzelte wählen", liest man auf den Postern des Aktionsbündnis für den Nichtraucherschutz in München, nebst einer Kinderzeichnung, die selbiges illustriert. Der Verein zum Erhalt der Bayerischen Wirtshauskultur kontert geistreich mit einem Arschgeweih in Form seines Kampfrufes. "Verbote sind für'n Arsch" steht in tätowiert über einem nackerten Frauenpo, der sich lasziv aus einer Jeans quetscht. Speziell dieses Foto sorgte im konservativen Freistaat für viel Unmut. Und für viel Vandalismus: Beide Lager beschweren sich seit Wochen über zerstörte oder verschwundene Plakate. Allein zwischen dem Gärtnerplatz und der Reichenbachbrücke sollen 40 Poster der Raucher verschwunden sein. Die Nichtraucher berichten derweil von ganzen Plakatständern, die demoliert oder verschleppt wurden.
Foto: SPazzø/flickr
Jetzt wurde der Kinderfasching sogar der Politik zu blöd. Bayerns Ministerpräsident Seehofer (CSU) rief seine Schäfchen diese Woche noch einmal zur regen Beteiligung am Volksentscheid auf. "Ich möchte, dass sich die Bevölkerung stark beteiligt", sagte er am Montag nach einer CSU-Vorstandssitzung in München. "Und dann is a Ruh".
Über die Wahlbeteiligung muss sich der Horst jedenfalls keine Sorgen machen. Allein in München haben bis dato ca. 74.000 Menschen ihre Briefwahlunterlagen beantragt; einige hundert mehr als bei der Kommunalwahl 2008. Toni Roiderer, Sprecher der Oktoberfest-Wirte, gießt derweil schon mal Öl aufs Feuer, redet von "diesen Weltverbesserern mit verbissenem Gesicht". "Als nächstes", prophezeit er, "kommt der Alkohol und dann der fette Schweinsbraten".
Also, Bayern: Raucher rein oder Raucher raus? In einer Woche werden wir's wissen.
Pressekonferenz - Paul Kalkbrenner am 21.05.2012 in München