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Rubrik:Musik
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Interview: Trentemøller - Into The Great Wide Yonder
Mit seinem zweiten Studioalbum gibt Anders Trentemøller den Blick frei, was wir vielleicht künftig vermehrt von ihm auf der Produktionsseite erwarten dürfen. Fast schon episch klingt Into The Great Wide Yonder und ist definitiv ein Album, das des mehrfachen Hörens bedarf, um seine Schönheit zu erfassen. Denn in den Tiefen und der Dramatik, die raumerfüllend klingen, liegt eine tragische Romantik verborgen, die man finden und auf die man sich einlassen wollen muss. Doch nach einem Gespräch mit ihm über seine Musik, Kunst und die Zukunft hätte er kaum eine authentischere Scheibe produzieren können. Lest am besten selbst…

by Nina Mouritzen
Nachtagenten (NA): Anders, was ist deine erste musikalischer Erinnerung?
Anders Trentemøller (AT): Uff.. ich glaube, da war ich 4 oder 5 Jahre alt. Da gab es diese dänische Gruppe aus den 70ern namens The Savage Rose. An deren Track „Dear Little Mother“ kann ich mich noch erinnern (Anm.d.R.: der Song ist von 1971) – weil ich mich echt davor gegruselt hab. Der Track war so spooky, aber gleichzeitig faszinierend – obwohl es eigentlich nur ein sehr schöner Folk-Song ist. Aber ich glaube als Kind nimmt man Musik auch ganz anders wahr, als später als Erwachsener.
NA: Gab es Bands oder Sänger, die Dich musikalische beeinflusst haben?
AT: Oh ja, eine ganze Menge. Echo And The Bunnymen, The Cure, die ganz besonders (Anm.d.R.: mit seinen schwarz lackierten Fingernägeln und den dunklen Strähnen im Gesicht ist durchaus eine Ähnlichkeit zu Robert Smith erkennbar), The Smiths, Slowdive, Mazzy Star, Velvent Underground,..
NA: Niko?
AT: Oh ja, die auch! Die hatte so einen tollen deutschen Akzent.
NA: Wer von allen Leuten, mit denen Du bisher zusammen gearbeitet hast, hat Dich besonders inspiriert?
AT: Vibskov zum einen, der ja auch Schlagzeug spielt, und auch für die Bühnenshow viele tolle Ideen einbringt. Und die beiden Sängerinnen auf meinem neuen Album.
NA: Und mit wen würdest Du gerne noch zusammenarbeiten?
AT: Mit Hope Sandoval, der früheren Sängerin von Mazzy Star, sie hat so eine besondere, geisterhafte, verträumte, sinnliche Stimme. Auf dem neuen Massive Attack-Album singt sie unglaublich. Ich mag ihre eigenen Sachen auch sehr gerne.

AT: Anfangs nicht. Wenn ich an einem Album arbeite, versuche ich, nicht so viel darüber nachzudenken. Ich konzentriere lieber auf die Musik an sich, nicht darauf, wie das Resultat später klingen soll. Aber als „Into The Great Wide Yonder“ etwa zur Hälfte fertig war, ist mir erst aufgefallen, wie dramatisch es sich anhört. Einfach, weil es sich so entwickelt hatte. Das habe ich dann in den restlichen Tracks weitergeführt. Außerdem hab ich dieses Mal versucht, möglichst viele Instrumente selber einzuspielen.
NA: Du hast ja ursprünglich in einer Rockband angefangen..
AT: .. genau, ich hab in 3 oder 4 verschiedenen Bands gespielt.
NA: Wie viele Instrumente beherrschst Du?
AT: Ach, nicht viele. Schlagzeug, Keyboard und ein bisschen Gitarre. Aber ich wollte, dass dieses Album organischer, handgemachter klingt – nicht so elektronisch.
NA: Wie kam es eigentlich dazu, dass Du irgendwann von Rockmusik zu Electro geswitcht hast?
AT: Da gab es ein Ereignis: Als ich noch zur Schule ging, haben wir mal eine Klassenfahrt nach London gemacht, wo wir in diesem Underground-Club gelandet sind. Da hab ich zum ersten Mal richtig guten Drum'n Bass und Jungle gehört, und war völlig aus dem Häuschen! Diese Energie hat mich echt umgehauen. Und zur gleichen Zeit kam ein neues Album von Portishead oder Massive Attack raus, dass viel mehr Melodie und Atmosphäre hatte als die elektronische Musik, die es damals gab. Zuhause hab ich dann sofort aufgehört, in den ganzen Bands zu spielen, bei denen ich damals mitgemacht hab, und hab mir einen Sampler gekauft. So hat alles angefangen.
NA: Wenn Du nicht Musiker geworden wärst, was würdest Du heute stattdessen machen?
AT: Eigentlich wollte ich schon als Kind Musik machen. Oder Kameramann werden.. oder Filmemacher..
NA: Deswegen Deine Affinität zur Filmmusik?
AT: Ja schon. Musik und Film sind eigentlich zwei ganz ähnliche Kunstformen. Bei beiden geht es darum, Dinge zu manipulieren – akustisch oder visuell.
NA: Das Artwork Deines neuen Albums hat Henrik Vibskov entworfen, der am weltberühmten Central Saint Martins College in London Modedesign studiert hat. In seinen Entwürfen verwendet er oft geometrische Formen, verändert und verdreht sie aber so krass, dass etwas völlig neues daraus entsteht. Siehst Du da Parallelen zu Deiner Arbeit an Remixen?
AT: Ja, definitiv! Wenn ich mit dem Material anderer Künstler arbeite, versuche ich immer, dem ganzen meinen eigenen Touch zu verpassen. Oder Dinge aufzugreifen, die mich gerade inspirieren. Andererseits: Man glaubt beim Musikmachen immer, das Rad neu zu erfinden – und merkt dann später, dass die eigenen Ideen schon mal früher von jemand anderem ausgedacht wurden. „History repeating“ eben.

by Noam Griegst
AT: Einerseits kommen mp3s qualitativ nicht an Vinyl ran, klar. Andererseits hört man diesen Unterschied beim Feiern nicht wirklich; wenn man irgendwo auf einer Party beim Tanzen ist, dann kriegt man das gar nicht mit. Ich persönlich lege nur mit CDs auf – einfach, weil es praktisch ist. So kann ich meine eigenen Edits im Voraus machen, oder meine eigenen Bootslegs. Eine Stunde vorher schnell eine CD im Hotel brennen, mal schnell noch einen ganz neuen Track dazu nehmen, solche Sachen eben. Trotzdem glaube ich, dass viele Leute sich immer noch gerne Platten kaufen, um ein Album tatsächlich mal in Händen zu halten, um das Cover zu fühlen..
NA: Angenommen, jemand würde Dein neues Album vollständig bei einer filesharing-Plattform online stellen – wäre das o.k. für dich?
AT: Wenn man sich mal einen Track irgendwo runterzieht, dann ist das völlig in Ordnung. Alle machen das. Ich mache das auch mal. Aber ein ganzes Album, inklusive dem Cover online zu stellen, gerade mal einen Tag nach der Veröffentlichung...
NA: .. oder einen Tag vor der Veröffentlichung..
AT: .. genau.. das ist wirklich respektlos den Künstlern gegenüber. Von dem zu leben, was man wirklich liebt, das ist echt schwer. Bei mir geht das heute gut, aber ich hab auch mal zehn Jahre lang nebenbei in Kindergärten gearbeitet, oder in Clubs Flaschen eingesammelt, um mich über Wasser zu halten. War nicht immer einfach. Das Problem ist aber auch, dass viele Labels in dem Punkt einfach geschlafen haben. Dass man heute bei iTunes so einfach einkaufen kann, ist super. Kommt aber sechs Jahre zu spät.
NA: Wie würdest Du jemandem Dein neues Album beschreiben, der nur Deine früheren Sachen kennt?
AT: Mhm, schwierig. Musik mit Wörtern zu beschreiben finde ich überhaupt sehr schwer – vor allem meine eigene Musik. Ich hab gestern 22 Interviews gegeben und es immer wieder versucht (lacht). Ich glaube „Into The Great Wide Yonder“ ist anspruchsvoller als mein erstes Album. Wahrscheinlich dauert es länger, damit warm zu werden; entweder man hört es sich drei, vier Mal an und beginnt, es zu mögen. Oder man denkt sich gleich beim ersten Mal „Fuck that, it's really crap“ (lacht). Aber wie Ihr schon erwähnt habt, hat dieses Album einen sehr dramatischen Grundklang, und eine Art Filmmusik-Vibe. Ein Hintergedanke, den ich bei diesem Album hatte, war, dass mit der LP das ganze Album-Format an sich gerade am Aussterben ist. Heute sucht man sich hier einen Song aus einem Weblog, und da einen bei iTunes, oder da einen bei Limewire, aber man hört sich kaum noch ein ganzes Album vom Anfang bis zum Ende an.
NA: Leider...
AT: Alle Alben, die mir jemals etwas bedeutet haben, waren immer eine Art Geschichte, in die ich abgetaucht bin. Manche Tracks fand ich nur deswegen so besonders, weil sie eben genau nach einem anderen ganz bestimmten Track kommen. Und es hätte sich total falsch angefühlt, den einen Track anzuhören ohne den nächsten. Anyway, ich hoffe, dass sich ein paar Leute mein neues Album vom Anfang bis zum Ende anhören – denn dazu ist es ausgelegt.
NA: 2004 oder 2005 ist eine Riesenwelle skandinavischer Electro nach Europa hinübergeschwappt – Deine Musik, Kasper Bjørke, Röyksopp usw. Glaubst Du, dass es so etwas wie den „scandinavian way of electronic music“ gibt?
AT: Ja, auf jeden Fall. Dieser melancholische Mix aus Indie und Electro, dieser „nordic vibe“, der kommt vor allem aus Skandinavien. Vielleicht liegt das an unserem Naturell, oder an unserer Umgebung. Oder vielleicht sind wir einfach so gelangweilt, dass wir uns in die Musik flüchten (lacht). Das hört man übrigens schon in den ganz, ganz frühen Folk-Songs aus Skandinavien raus – diese Melancholie. Vielleicht liegt uns das im Blut?
NA: Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Deinem Publikum zuhause, und dem in Europa oder Amerika?
AT: Manchmal merke ich schon einen Unterschied, manchmal auch überhaupt nicht. Natürlich habe ich in Dänemark so etwas wie einen Heimvorteil, aber mittlerweile gibt sich das nicht mehr viel. Obwohl, früher fand ich es schwieriger, in England oder auch in Berlin zu spielen, weil die Leute da immer ihre eigenen Kultur haben, und ihre eigenen Landsleute am DJ-Pult mehr supporten. Aber heute empfinde ich das Feedback von den Leuten überall gleich gut. Liegt mit Sicherheit auch am Internet.
NA: Was hörst Du selbst zum Entspannen?
AT: Eher melacholische, langsame Sachen – auch Klassik, ich mag Chopin sehr gerne, oder Folk. Das neue Album von „We Fell To Earth“ läuft auf meinem iPod gerade in Dauerschleife, ganauso The XX, Sigur Rós,..
NA: Nouvelle Vague? Kennst Du deren Cover vom The Cure-Klassiker „A Forrest“?
AT: Ja, kenne ich – schöner Track! Aber auch schwierig; das Original von The Cure ist einer meiner Lieblingssongs, und wenn den jemand covert, dann muss er es verdammt gut machen (lacht). Covern funktioniert eigentlich nur, wenn man einem Track einen ganz neuen Twist verpasst, ihm seinen Stempel aufdrückt, was ganz Anderes daraus macht. Eines meiner Lieblingscover ist „Let's Dance“ vom M.Ward, ein Remake des David Bowie-Klassikers. Ward hat daraus eine großartige Folk-Ballade gemacht.
NA: Was dürfen wir in Zukunft von Dir erwarten?
AT: Mhmm, vielleicht wieder an Filmsoundtracks arbeiten, das wäre toll. Oder einen Road Trip machen, und dabei eine Platte aufnehmen – mit allen Leuten, die man unterwegs kennen lernt.







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