News von

Rubrik:Musik, Kolumne
-
Autor:
-
Letzte Aktualisierung:

Ein Discoboy berichtet...

The Discoboys (c) Carsten Schröder
Moin Nachtschwärmer,

ich bin schon oft gefragt worden, wie man als DJ weiterkommt und gebucht wird. Früher habe ich stets dazu geraten, einen eigenen musikalischen Stil zu entwickeln. Ein unverwechselbares Profil war meiner Meinung das wichtigste - neben den handwerklichen "Skills", ohne die man eine Karriere als DJ vergessen konnte. So weit, so old school.

Neulich hat die Bookerin eines Clubs aus dem Nähkästchen geplaudert. Es wäre die Pest: Alle DJs würden dasselbe spielen. Deshalb höre sie sich keine Mixshows mehr an. Sie sei dazu übergegangen, Gast-DJs aufgrund von "Klicks" zu buchen. Je mehr "Gefällt mir" einer hat, desto eher buche sie ihn. Die Zahl der Fans bei Facebook ist endlich zu einer Währung im Nachtleben geworden, aber auch ein YouTube Video mit mindestens einer Million Klicks kann schon den Ausschlag geben. Es kann ein Weg für den karrieregeilen Nachwuchs-DJ sein, dass er sich einen Song sucht, ihn mit einem Beat unterlegt, dass fertige Produkt "DJ XYZ Remix Mashup ADE WMC 2013 Bootleg" nennt und hochlädt - und schon hagelt es Klicks, Bookings und fünfstellige Gagen für einen Abend in der DJ-Kanzel. Vielleicht sollten angehende Star-DJs ihre Zeit nicht mit der Suche nach neuer Musik im Internet verschwenden, sondern lieber "serious business" machen und die einschlägigen Angebote zur Steigerung der Klickraten ihrer Seiten sondieren. Mark Zuckerberg würde sich freuen!
Wer dann noch Geld in ein fesches Logo seines Namens steckt und einen Kameramann anheuert, der auch den Auftritt in Hintertupfingen bei YouTube aussehen lässt wie Tomorrowland, wird in kürzester Zeit eine steile Karriere hin- bzw. auflegen. Propaganda durch spektakuläre Bilder ist heutzutage wichtiger als 1933! DJs sind Egomanen, denen es nichts ausmacht, sich mit fremden Federn zu schmücken. Ich finde die Entwicklung dieses Charakterzuges verständlich, beruht ihre Hauptarbeit doch vor allem darauf, Musik anderer Leute ineinander zu mischen. Wenn man also ein Lied von beispielsweise Asaf Avidan oder Tom Odell durch Unterlegung eines fluffigen Housebeats tanzbar macht, kann man doch auch gleich den ursprünglichen Interpreten entfernen und durch den eigenen Namen ersetzen. iTunes macht's möglich! Oder wo ist das Problem?

Aber muss denn jeder, der Tanzmusik produziert heutzutage auch zwangsläufig DJ werden? Das "mashuppen" im stille Kämmerlein für die virtuelle WWWelt und der Showdown am Dancefloor im realen Nachtleben sind doch zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Dabei ein vorgefertigtes DJ-Set abzuspielen und nur so zu tun, als ob man Mischen könnte - Thanks to Sync - ist schlimmer als Halb-Playback. Das gehört sich nicht und sollte mit Ausschluss aus der DJ-Gewerkschaft und Auftrittsverbot von mindestens einem Jahr geahndet werden. Leider gibt es keine solche Gewerkschaft - und die Gagen für DJ schwanken weiterhin stark. Der Preis eines Booking-DJs sollte sich immer danach richten, wie viele Menschen er zusätzlich in den Club zieht. Wenn er dann den Laden mit seinem DJ-Set rockt, hat er alles richtig gemacht und bekommt sicher schon bald das begehrte Folge-Booking. Wenn 12.000 Menschen 50 Euro pro Nase ausgeben, um in einer Turnhalle jemandem zwei Stunden dabei zu zu sehen, wie er Nichts macht, ist das in meinen Augen nur ein Beweis für die zunehmende Volksverdummung. Von Deejaying und Club Kultur im ursprünglichen Sinne ist diese Entwicklung mindestens so weit entfernt wie die Wildecker Herzbuben von Paul Kalkbrenner.
Die Bookerin hat übrigens beim Management von Avicii nach dem Preis für einen Gig in ihrem Club gefragt. Die Antwort kam umgehend: "250.000 EUR". Sie erwiderte, dass sie kein Festival veranstalten wolle, sondern für ihren kleinen Club angefragt hätte, der eine Kapazität für 800 Personen hat. Die Antwort lautete erneut: "250.000 EUR". Vor 5 Jahren stand der Junge aus Schweden noch auf demselben Monats-Flyer wie wir und hat 800 EUR verlangt. Ich mache den Job erst seit über 20 Jahren. Am ersten Abend waren das noch 75 Mark. Irgendetwas habe ich anscheinend falsch gemacht.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit

Gordon (Discoboys)

PS: Die Ironie ist zuweilen recht ironisch.

Kommentare zur News

MY:NA

Region

bitte wählen

Login

Passwort vergessen?

Neu? Werde jetzt Nachtagenten Mitglied und genieße viele Vorteile! kostenlos anmelden

meist gelesen

wAtch oUt: Titten des Tages

Nachtagenten surfen tägliche durch die unendlichen Weit...››
5

Eine Reise auf den Spuren von Hangover

Trip nach Las Vegas – eine Reise auf den Spuren von Han...››

Wacken 2013 - Keine halben Sachen

Rammstein, Alice Cooper und Victims of Relentless Blood...››