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Rubrik:Lifestyle, Szene, Kultur
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Autor:Agent jooolia
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Buchtipp: Graffiti Woman

Ein neuer Bildband feiert die weiblichen Stars des Graffiti
Wer nachts an dunklen Bahngleisen entlang schleicht, bewaffnet mit Cans und Fatcaps, wer nichts anderes im Sinn hat außer Züge zu bomben, der braucht vor allem eins: Eier in der Hose. Im wahrsten Sinne des Wortes? Auf den ersten Blick schon – denn traditionell ist Graffiti eine Jungs-Domäne. Mag damit zusammenhängen, dass die Pioniere der Hip Hop-Kultur und ihrer Elemente (Rap, DJing, Breakdance und Writing) fast alle männlich waren. Oder vielleicht damit, dass Frauen vor der kriminellen Seite des Sprayens mehr zurückschrecken als Männer. Delinquenz ist und bleibt schließlich Männersache, wie das Bundesamt für Statistik immer wieder belegt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit; seit Beginn der Writing-Kultur im New York der frühen 70er Jahre gab es eine Mädelsfraktion; Chicas, die mit auf die Jagd nach verlassenen Bahnhöfen und Unterführungen gezogen sind, ihre Tags gesetzt und die Gesichter der Metropolen mitgeprägt haben.
Noch in den 90ern war die Zahl der namhaften Sprayerinnen überschaubar. Was sich daran in den vergangenen zwei Jahrzehnten geändert hat, und inwiefern die breiter gefächerte Streetart-Bewegung dabei eine Rolle spielt, das hat Nicholas Ganz jetzt in „Graffiti Woman“ eindrucksvoll dokumentiert. Der Streetartist aus Essen hat auf der ganzen Welt Pieces fotografiert, die Sprayerinnen ausfindig gemacht, ihre Geschichten gesammelt. Herausgekommen ist der erste Bildband, der Graffiti- und Streetart-Künstlerinnen rund um den Globus systematisch unter einem Hardcover vereint.

125 Künstlerinnen aus fünf Kontinenten zollt Ganz Tribut, von ACB aus Chile bis zu YZ aus Frankreich. Fehlen darf dabei natürlich nicht Lady Pink. Das weibliche Writing-Urgestein war schon im Hip Hop-Kultfilm Wildstyle als einziges Mädchen mit einer Can in der Hand zu sehen. Rund 1200 Fotos, unterteilt in Graffiti und Streetart, zeigen das ganze Spektrum des Graffiti - von einfachen Tags über Stencils bis zu Wholerains und hauswandgroßen Farbexplosionen. Zu jeder Künstlerin gibt es außerdem ein paar biographische Eckdaten, ab und an auch Anekdoten oder O-Töne, wie dieses Zuckerl von Jel aus Los Angeles:

"Einmal wollte ich gerade sprühen, als ein Polizist ankam. Da musste ich so tun, als wartete ich auf den Bus. Er sagte, der Bus würde hier nicht mehr fahren und die Gegend wäre ziemlich gefährlich und bot mir an, mich nach Hause zu bringen. Wenn ich nein gesagt hätte, wäre das verdächtig gewesen, also stieg ich ins Auto und presste meine Tasche eng an mich, damit die Dosen nicht klimperten. Mann, hat der mir den Abend versaut. Ich war stinksauer!"
Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit ehrlichem Interesse thematisiert das Buch auch die Schwierigkeiten, auf die Frauen in der Szene immer wieder stoßen – unabhängig davon, in welchem Land sie leben. Das Vorwort stammt von der amerikanischen Graffiti-Künsterlin Swoon, weitere einleitende Worte schreibt Nancy Macdonald, die sich seit Jahren mit der Graffiti-Kultur in London und New York beschäftigt. Erstaunlich ist, wie stark die Meinungen der Sprayerinnen selbst auseinander gehen. Die Französin Klor etwa sieht die ganze Thematik nicht so eng: "Ich glaube nicht, dass du anders malst, wenn Du einen Schwanz hast, denn um ein Bild zu machen, brauchst Du nur Deine Arme und eine 400 Gramm schwere Spraydose." Lady Pink dagegen hat andere Erfahrungen gemacht: "Du bist entweder ne Lesbe oder ne Schlampe. Das ist alles. Ich habe viel Mist erlebt".

Ein Fest für’s Auge und eine gute Lektüre obendrein – wärmstens empfohlen! Eine Podiumsdiskussion zum Erscheinen von „Graffiti Woman“ im Brooklyn Museum mit Lady Pink, Toofly, Swoon und Lady K Fever gibt es übrigens hier.

Nicolas Ganz: Graffiti Woman - Graffiti und Street Art von fünf Kontinenten (Hardcover)
224 Seiten, 12,00 EUR
erschienen bei DUMONT Literatur und Kunst Verlag

Bildnachweis (von oben): Mickey, Hera, Smirk

Links:
Website von Nicolas Ganz: www.keinom.com
Institut für Graffiti-Forschung: www.graffitieuropa.org
Webiste von Lady Pink: www.pinksmith.com

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